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Grenzen setzen- wir, die Gesellschaft und was unser Vater damit zu tun hat

Nina Perwas • 12. Oktober 2022

Kannst Du gut Grenzen setzen? Nein sagen, wenn Du Nein meinst? Und auch dabei bleiben, wenn Dein Gegenüber versucht, Dir ein schlechtes Gewissen zu machen?
Kannst Du für Dein Recht einstehen, wenn jemand Deinen Raum verletzt und auch weiter voran gehen, sobald Dir Gegenwind entgegen schlägt?
Kannst Du Deine Werte wahren und Zeichen setzen, auch, wenn um Dich herum alles spottet oder man Dich verlacht?
Und bist Du in der Lage, Grenzen anderer zu akzeptieren, zu respektieren und zu achten, auch wenn Du Dir etwas anderes wünscht? Auch wenn vielleicht Dein Bedürfnis nach Anerkennung und Gesehenwerden ganz laut in Dir schreit oder Du Dein „Gesicht“ nicht verlieren willst?
Kannst Du ein Nein eines Anderen anerkennen, auch wenn Deine Bedürftigkeit und Deine inneren Wunden um alles in der Welt ein Ja erhofft haben?

Die Fähigkeit, Grenzen zu setzen, zu wahren und zu akzeptieren ist eine Eigenschaft, die wir von unserem Vater lernen. Als Kind ist er für uns das Symbol für die Welt außerhalb der Symbiose mit unserer Mutter. Raum, der uns ängstigt und gleichzeitig fasziniert. Wir lernen von unserem Vater, nach unseren Möglichkeiten, begrenzte Teile dieser Welt zu entdecken und zu erfahren. Er schützt uns, wenn wir über diese Grenzen hinweg wollen- etwas erleben, bekommen möchten, was mit unseren Möglichkeiten (noch) nicht vereinbar ist. Und er erlaubt uns, selber Nein zu sagen, wenn wir für etwas nicht bereit sind oder uns selber schützen wollen.
 
Fehlt diese Erfahrung, dieses so wichtige Vorbild, so wird es uns auch als erwachsener Mensch schwer fallen, Räume richtig einzuschätzen. Wir merken oft zu spät, dass jemand den unseren verletzt hat oder trauen uns nicht, unseren Raum für uns zu beanspruchen und zu verteidigen. Oder wir erkennen nicht, wann der Raum eines anderen beginnt und lassen uns ausschließlich durch unsere Bedürftigkeit und unser Ego leiten. Dabei übertreten wir Grenzen, verletzten Integritäten und sind dann erstaunt, empört oder überrascht, wenn wir zurückgewiesen werden.
 
Die Aufgabe, die Qualität des Vaters ist nicht nur für den und die Einzelne_n entscheidend für den eigenen, persönlichen Werdegang, sie ist zudem die Basis für ein respektvolles und friedliches Miteinander aller Menschen einer Gruppe, einer Gesellschaft.

Fehlt uns diese Qualität, diese Prägung in unserem Leben, hinterlässt sie in unserer Seele eine Wunde. Und somit lassen wir uns von unseren Wunden, unseren Bedürftigkeiten leiten. 
Wir merken dann nicht oder nur kaum, dass wir vorrangig in der „Nehmerposition“ anderen gegenüber sind und gleichzeitig die „Gebertür“ für jeden offen steht, der es versteht, uns an diesen Wunden zu berühren, mit ihnen zu „spielen“ oder sie für sich zu nutzen. 
Wir haben nicht gelernt, nein zu sagen, um uns zu schützen; wenn wir nicht bereit sind zu geben. Also lassen wir uns innerlich leerräumen und spüren dann umso mehr die Bedürftigkeit nach Genährt- und Anerkanntsein, zwei der Grundbedürfnisse eines jeden Kindes.
Dieses Gefühl ist unser Antrieb, unsere Feder, die uns voran schiebt, zur nächstmöglichen „Quelle“. In uns brennt ein seelischer Hunger, der uns zumeist gar nicht erlaubt, darüber nachzudenken, ob wir mit unserem Verhalten die Grenzen eines anderen verletzten. Und wir nehmen, wir wollen uns wieder gefüllt, erfüllt fühlen.
 
Wehrt sich unsere „Quelle“ aber, weist uns jemand ab, lässt uns mit unserem Hunger alleine, dann sieht sich unsere kindliche Wunde, unser inneres Kind in einer real empfundenen Existenzangst. Das ist auch der Grund, warum viele zurückgewiesene, hungrige innere Kinder dann eskalieren. Der Mensch, der diesen Hunger in sich spürt und nun abgewiesen wurde, zeigt Ausprägungen von Trotz, Opferverhalten, Bockigkeit, bis hin zu Aggression. 
Es kämpft dort keine erwachsene, gereifte Person mehr, sondern ein kleines Kind, dessen Grundbedürfnisse nach Versorgtwerden und Anerkennung massiv verletzt wurden. Und zwar zum wiederholten Male. Denn die Urwunde bei diesem Menschen, liegt in der eigenen Kindheit verborgen. Bei einem vielleicht abwesenden oder abweisenden Vater und/oder einer überforderten, desinteressierten oder ebenfalls bedürftigen Mutter.

 

Dieser Hunger wird uns wieder und wieder einholen, solange wir nicht lernen, selber Grenzen zu spüren und zu setzen und gleichzeitig die Grenzen anderer zu respektieren. Die Urwunde, die wir erlitten haben, stammt nicht aus uns oder unserer Verschuldung. Die Aufgabe, einem Kind das Gefühl von Versorgt- und Gesehenwerden zu schenken, liegt bei den Eltern. Genauso, wie es an unseren Vätern liegt, uns gesunde Grenzen beizubringen.
Fehlen uns diese Erfahrungen, tragen wir diese Urwunde in uns, so ist es nicht unsere Schuld- es ist aber unsere Verantwortung, die Welt nicht dafür büßen zu lassen. Denn diese Welt schuldet uns nichts! Andere Menschen sind nicht dazu da, unsere Wunde zu verdecken, zu versorgen oder möglichst wenig Anstoß an ihr zu nehmen. Und das gilt auch für unsere Kinder! Denn viele Eltern, die ihren Kindern diese Urwunden hinterlassen, tragen die gleiche in sich. Und oftmals geht dieser Kreislauf seit Generationen- und niemand hat zwischendurch die Verantwortung übernommen, diese Wunde heilen zu lassen, um sie nicht durch die nächste Generation zu kompensieren, bzw. es zumindest zu versuchen.
 
Deswegen ist es nun endliche Zeit! Die Verantwortung liegt bei uns selbst, diese Wunde heilen zu lassen und zu lernen, Grenzen zu setzen, um unseren innersten Raum zu schützen und zu bewahren. Dass er sich füllen kann, damit wir nie wieder diesen existenziellen inneren Hunger spüren müssen. Damit wir genährt sind, um nicht mehr bei anderen zu „klauen“, um nicht zu „verhungern“. Damit wir verstehen und respektieren, dass andere nur das mit uns teilen wollen, was sie überhaben. Dass sie mit uns nicht teilen müssen, sondern uns dafür freiwillig wählen dürfen und nicht, weil sie bedrängt oder emotional erpresst werden.
 
Wenn ich meinen eigenen Raum hüte, nähre und schätze, ihn vor Übergriffen bewahre und mich erfüllt fühle, dann kann ich aus dem Vollen teilen. Ich habe dann genug Funken in mir, andere zu inspirieren und ich kann sie unterstützen, wenn sie gerade eine schwierige Phase haben. Ich kann Teil einer Gemeinschaft sein, die sich gegenseitig nährt, die sich nicht untereinander das Brot vom Teller stielt, weil man so ausgehungert ist.
 
Seine Vaterwunde zu heilen und zu lernen, wie das mit dem Grenzensetzen und -wahren funktioniert, ist nicht nur für einen persönlich heilsam. Es gibt uns überhaupt erst die Möglichkeit, Beziehungen zu führen, die nicht auf Mangel oder Bedürftigkeit basieren, sondern auf Respekt, Austausch und Fülle. 
Und damit erschaffen wir immer größere Kreise von Co-Kreation und Miteinander. Sich gegenseitig nähren, anstatt sich zu benutzen. Sich gut zu tun und sich zu respektieren, statt sich zu unterdrücken und auszulaugen.

 

Es könnte so einfach sein- bist Du mit dabei?

von Nina Perwas 11. September 2023
Jeder und Jede von uns hat in seinem oder ihrem Leben schon Trauer erfahren. Wir alle haben schon Verluste erlitten: wir haben Abschiede erlebt, Trennungen durchgemacht, Träume loslassen müssen. Jeder und Jede war oder ist also in seinem oder ihren Leben bereits von Trauer betroffen gewesen. Aber warum sprechen wir so wenig über Trauer? Weshalb bekommt das Thema Trauer und Trauern gefühlt keinen Platz im öffentlichen Diskurs und wenn, dann nur „unter der Ladentheke“? Warum fühlen sich so viele Betroffene so allein gelassen, wenn es doch ein kollektives Erleben ist, diese Trauer? Warum fällt es uns scheinbar so unfassbar schwer, über Trauer zu sprechen? Warum vermeiden wir dieses Thema bewusst/unbewusst so vehement? Haben solche Gefühle keinen Platz in unserer heutigen Zeit mehr? Ich glaube, die Gründe, warum Trauer bei uns so ein verstecktes Thema ist, sind vielfältig. Ein paar möchte ich gerne aufzählen: Trauer verbinden viele mit Tod und Sterben und dadurch auch mit der eigenen Vergänglichkeit. In einer Welt, in der jedes Plakat, jeder Post uns zuruft, dass wir auch mit fortschreitendem Alter immer noch dynamisch, erotisch, jugendlich sein müssen und wir uns damit direkt und indirekt unter Druck setzen, ist der Gedanke an den eigenen "Verfall" etwas, dem wir gerne aus dem Weg gehen. Das Märchen von den unendlichen Möglichkeiten- immer wieder hören wir Sätze wie: "Nimm' Dein Leben in Deine Hände und starte noch einmal so richtig durch!", "Es ist nie zu spät, Dein Traumleben zu kreieren". Und viele finden sich in dem Gefühl der "FOMO" wieder, der "fear of missing out"- also der Angst, etwas zu verpassen. Sich dann noch mit Loslassen, Abschied nehmen und sogar noch Sterben zu konfrontieren, verstärkt diese Angst ungemein. Viele Menschen unter uns haben bereits Verlusterfahrungen hinter sich. Oftmals schon als Kind. Die Trennung der Eltern, Umzüge und das Zurücklassen der gewohnten Umgebung und Menschen- all dieses und mehr kann in uns eine Verlustangst wachsen lassen. Trauer bedeutet Verlust- setzen wir uns also mit dem Gedanken von Trauer auseinander, so triggern wir damit unsere Ängste. Think positiv! Gefühlt sind alle happy- zumindest auf Socialmedia. Alle lächeln, sitzen am Strand, zeigen ihre beigen Wohnträume- alles ist positiv- toxic positiv. Aber wir wollen doch auch so gerne ein Stück von diesem Kuchen- also müssen wir nur positiv denken- immer. Da bleibt kein Raum für Trauer. Wenn wir uns für das Thema Verlust und Trauer aufmachen, dann besteht die Gefahr, dass wir überrollt werden. Wie bei einem Schrank, in den wir in Eile und Hektik alles reingestopft haben, damit es nicht mehr unordentlich im Raum aussieht. Der Trick dabei ist es, die Türen schnell genug zuzuknallen. Aber irgendwann ist das Fassungsvermögen des Schrankes erreicht und sollten wir dann versuchen, auch nur noch eine schmutzige Socke dort hinein zu bringen, kommt uns der gesamte chaotische Inhalt entgegen gepoltert, wie ein Lawinenabgang in den Alpen. Und dann sitzen wir da, bis über die Ohren im Müll und zu überfordert zu wissen, wie wir das jetzt wieder hinbekommen. Trauer betrifft nicht immer „nur“ uns allein. Es gibt auch Trauer, die innerhalb von Familien „vererbt“ wird. Verlustthematiken, die wir nicht selbst erlebt haben müssen, die uns aber trotzdem etwas genommen haben. Ein Beispiel sind unsere Großeltern und Eltern, die häufig noch vom 2. Weltkrieg betroffen und so mit dem Thema Verlust leider mehr als vertraut. Waren unsere Großeltern mit Trauer konfrontiert, hatten aber keine Chance, sie zu durchleben und zu integrieren, waren sie häufig in Vermeidungsstrategien gefangen. Unsere Eltern haben dabei häufig das Nachsehen gehabt. Sei es durch emotionale Kühle, Schweigen, Aggression. Sie haben ebenso verloren: Vertrauen, Geborgenheit, Wahrheit, Unversehrtheit. Und diese Verluste wurden dann auch an uns weitergegeben. Fangen wir nun an, an dieser Trauer zu „pulen“, ribbeln wir einen ganzen, mühsam zusammen gefriemelten Pullover aus Vermeidung, Stille, Blockade und Abwehr auf. Wir bringen somit unser gesamtes Familiengefüge ins Wanken. Die Angst, unsere familiäre Basis dadurch zu gefährden und eventuell zu beschädigen oder gar zu verlieren, verhindert oftmals die Auseinandersetzung mit der eigenen Trauer oder den Mut, Dinge anzusprechen. Gemeinsam erlebte Trauer schafft häufig ebenso ein lautes Schweigen, wie die vererbte Trauer. Verlieren zum Beispiel Eltern ein Kind, so trauern die Eltern, die potentielle Geschwister, die Großeltern, Tanten, Onkel… das gesamte Familiensystem ist unter Trauer. Und jeder und jede empfindet diese Trauer anders, sucht andere Wege, sich irgendwie wieder zu fangen und ansatzweise zu funktionieren. Manchmal verstecken Kinder ihre Trauer, um die Eltern nicht weiter zu belasten. Paare versuchen zu vermeiden, sich gegenseitig zu triggern oder flüchten sich in Ablenkungen. Leider führt diese Sprachlosigkeit häufig genau dazu, was doch so angestrengt vermieden werden sollte- zur Sprengung des Familienverbundes. Und somit wird der Trauerberg nur noch größer. ...es gibt so viele Gründe, die Trauer aus unserem Alltag auszuschließen. Wir wollen uns selber nicht unserer eigenen Hilflosigkeit und Ahnungslosigkeit aussetzen, wollen vermeiden, uns mit noch mehr „anstrengenden“ Themen zu belasten. Wir klammern aus, solange es eben nicht akut für uns selbst ist. Doch damit lassen wir auch all diejenigen außen vor, die eben genau da jetzt stehen- Mitten im Nichts, auf der Suche nach Halt, Orientierung und Beistand. Natürlich ist das Vermeidungsverhalten der Menschen auch verständlich. Aber wisst Ihr was- der Verlust kommt- auch für uns! Eines Tages verlieren wir- jemanden, etwas, uns. Und dann ist sie da, die Trauer. Und wenn wir bis dahin nicht gelernt haben, mit ihr umzugehen- was dann? Dann schwimmen wir, dann droht Kontrollverlust- und wieder ist sie da, die Angst. Und diesmal ist sie direkt an uns adressiert, diesmal geht es uns etwas an und wir brauchen Halt, Orientierung und Beistand. Wäre es dann nicht gut, wenn wir schon vorher ein Fach in unserem Schrank frei machen würden, damit die Trauer ein paar Dinge von sich unterbringen kann? Sie muss ja nicht gleich einziehen, aber zumindest sollte sie eine Möglichkeit haben, bei uns für eine kurze Zeit unterzukommen. Und wenn dann ein längerer Aufenthalt bei uns ansteht, sind wir schon vertraut mit ihr und sie mit uns. Wir sind uns nicht mehr fremd, fühlen uns familiär verbunden. Und umso leichter geht es dann, das Loslassen, das Verarbeiten, das Trauern. Klingt das nach einem Plan?
von Nina Perwas 27. Dezember 2022
Ich glaube, ich darf von mir sagen, dass ich ein ziemlich bodenständiger Mensch bin. Und trotzdem war und bin ich auch immer schon sehr eng mit der spirituellen Seite verbunden. Seit ich mich erinnern kann, habe ich Dinge wahrgenommen und gewusst, die andere nicht wahrgenommen haben oder die ich gar nicht hätte wissen können, weil es mich zu der Zeit noch nicht gab oder ich keine Informationen von den Erwachsenen erhalten habe. Über eine Menge Ecken und Abzweigungen formte sich über viele Jahre mein ganz eigener spiritueller Weg. In der Art des Umgangs, als auch in den Werten, die ich in und mit ihr lebe. Und immer ist dieser spirituelle Weg eng verbunden mit dem ganz weltlichen Alltag. Es gibt nicht das eine Leben für die Spiritualität und das andere für die weltlichen Dinge- zumindest nicht bei mir. Es gehört alles zusammen und die Werte der einen Ebene, gelten genauso auch für die andere. Ein ganz entscheidender Punkt in meiner Sicht auf die Dinge ist die Eigenverantwortung. Und die generelle Überzeugung, dass das Leben uns nichts schuldet. Jeder von uns hat sein „Päckchen“ zu tragen. Jeder kommt mit mehr oder weniger Wunden durch seine Kindheit und Erziehung hindurch und am Ende, wenn wir erwachsen sind, liegt es an uns, was wir daraus machen. Ob wir die Verantwortung für unser Sein übernehmen, uns um unsere Entfaltung und Heilung kümmern oder ob wir darauf warten, dass andere oder eben das Leben an sich uns das gibt, was wir meinen zu verdienen. Die Spiritualität war und ist für mich immer ein Raum, ein Weg, eine Hilfe gewesen, um mich um mich und meine Wunden zu kümmern. Zu heilen, Klarheit zu gewinnen, Ruhe zu finden, meine Berufung zu leben. Sie war für mich nie ein Mittel zum Zweck oder etwas, das ich übernehme, um etwas zu bekommen. Nach dem Motto: „Ok, ich richte mich jetzt nach der oder der Überzeugung und was bekomme ich dafür?“. Genau diese Sichtweise habe ich auch immer meinen Schülerinnen und Schülern beigebracht oder es zumindest versucht. Nicht zu fragen, zu was mich ein Glaube, eine Überzeugung machen kann, was es mir bringt, mich an „Regeln“ zu halten, sondern zu schauen, in welchem Rahmen ich mich zu Hause fühle und was mir dabei Halt gibt, in mir aufzuräumen, meinen Kram zu sortieren und mich immer weiter und intensiver kennenzulernen. Und natürlich, meinen Platz im Leben zu finden. Mit genau dieser Überzeugung bin ich nun seit über 13 Jahren beruflich unterwegs. Immer mit der inneren Aufgabe, ein Stück Heilung in die Welt zu bringen und meinen kleinen Teil dazu beizutragen, dass die Menschen weniger toxisch mit sich und ihrer Mitwelt umgehen. Und zumindest ein Stück weit Achtung und Respekt vor allen Wesen und Mutter Erde zu verbreiten. Was ich merke ist aber, dass sich seit gut 3 Jahren der Wind in der, wie ich sie nenne, Spiriszene gedreht hat. Es geht immer weniger um das „heile“ werden oder um das wirkliche Entdecken, wer wir sind und wo unser Platz im Leben ist. Spiritualität wird immer mehr zu einem Markt der scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten. Uns wird vermittelt, wenn wir nur das passende Programm wählen würden, könnten wir unsere Göttlichkeit entfalten, 5-stellige Beträge monatlich einkassieren, ohne uns groß anzustrengen oder etwa den unglaublichsten Sex unseres Lebens feiern. Das alles würde uns Spiritualität liefern, wir müssten nur bestellen. „Do ut des“, „Ich gebe, damit Du gibst“- das wird immer mehr zur Kernaussage der Spiritualität in der Szene oder besser gesagt, der Anbieterinnen und Anbieter. Und genau das wird auch immer mehr die Anspruchshaltung der Kundinnen und Kunden an spirituelle Programme oder Begleitungen. Es geht nicht mehr darum, wirklich bei sich zu schauen, die Verantwortung für seine eigene Heilung zu übernehmen, nein, es geht immer mehr um die Frage „Was bietest Du mir, wenn ich Dich buche?“. Keine Entfaltung des eigenen Selbst mehr, sondern eine reine „Ego-to-Ego“- Verbindung von Kunde und Anbieter. Und ich merke, dass ich mich in diesem Rennen um das lauteste Gebot und die glitzerndste Werbung nicht mehr wiederfinde. Das das nicht das Bild ist, das ich von Spiritualität habe oder lebe und schon gar nicht die Botschaft ist, die ich vermitteln will. Das dieses Wetteifern um den höchsten Einsatz nicht nur nicht meins ist, sondern dem, was ich denke, fühle und tue vollständig gegensätzlich gegenüber steht. Irgendwo in diesen ganzen Jahren habe ich den Kontakt zu dieser Spiriszene verloren oder hat die Spiriszene eher mich verloren? Für mich ist es auf jedenfall immer schwieriger geworden, mit meiner Botschaft Menschen zu begeistern- weil sie eben nichts verspricht, was sie nicht halten kann und es in der Spiritualität eben nicht darum geht, wer den Längsten hat oder das dickste Konto- zumindest nicht in meiner tiefsten Überzeugung. Und nun? Ja, eine gute Frage. Für mich spiegelt die Entwicklung der Spiriszene einfach die Dynamik unserer gesamten Gesellschaft wieder: Der Drang nach Selbstdarstellung ist enorm gewachsen, der Fokus auf Äußerlichkeiten ist immens- wie es drinnen aussieht, ist zumindest nicht entscheidend. Und ja, in meinen Augen ist das toxisch. Kann ich dagegen etwas tun? Wohl eher nicht! Ich für mich kann nur schauen, wie ich mit diesem Wandel umgehen möchte und ob es Zeit ist, meinen Platz im Leben neu zu verorten. In diesem Sinne: Lasst es Euch gut gehen!
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