von Nina Perwas
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11. September 2023
Jeder und Jede von uns hat in seinem oder ihrem Leben schon Trauer erfahren. Wir alle haben schon Verluste erlitten: wir haben Abschiede erlebt, Trennungen durchgemacht, Träume loslassen müssen. Jeder und Jede war oder ist also in seinem oder ihren Leben bereits von Trauer betroffen gewesen. Aber warum sprechen wir so wenig über Trauer? Weshalb bekommt das Thema Trauer und Trauern gefühlt keinen Platz im öffentlichen Diskurs und wenn, dann nur „unter der Ladentheke“? Warum fühlen sich so viele Betroffene so allein gelassen, wenn es doch ein kollektives Erleben ist, diese Trauer? Warum fällt es uns scheinbar so unfassbar schwer, über Trauer zu sprechen? Warum vermeiden wir dieses Thema bewusst/unbewusst so vehement? Haben solche Gefühle keinen Platz in unserer heutigen Zeit mehr? Ich glaube, die Gründe, warum Trauer bei uns so ein verstecktes Thema ist, sind vielfältig. Ein paar möchte ich gerne aufzählen: Trauer verbinden viele mit Tod und Sterben und dadurch auch mit der eigenen Vergänglichkeit. In einer Welt, in der jedes Plakat, jeder Post uns zuruft, dass wir auch mit fortschreitendem Alter immer noch dynamisch, erotisch, jugendlich sein müssen und wir uns damit direkt und indirekt unter Druck setzen, ist der Gedanke an den eigenen "Verfall" etwas, dem wir gerne aus dem Weg gehen. Das Märchen von den unendlichen Möglichkeiten- immer wieder hören wir Sätze wie: "Nimm' Dein Leben in Deine Hände und starte noch einmal so richtig durch!", "Es ist nie zu spät, Dein Traumleben zu kreieren". Und viele finden sich in dem Gefühl der "FOMO" wieder, der "fear of missing out"- also der Angst, etwas zu verpassen. Sich dann noch mit Loslassen, Abschied nehmen und sogar noch Sterben zu konfrontieren, verstärkt diese Angst ungemein. Viele Menschen unter uns haben bereits Verlusterfahrungen hinter sich. Oftmals schon als Kind. Die Trennung der Eltern, Umzüge und das Zurücklassen der gewohnten Umgebung und Menschen- all dieses und mehr kann in uns eine Verlustangst wachsen lassen. Trauer bedeutet Verlust- setzen wir uns also mit dem Gedanken von Trauer auseinander, so triggern wir damit unsere Ängste. Think positiv! Gefühlt sind alle happy- zumindest auf Socialmedia. Alle lächeln, sitzen am Strand, zeigen ihre beigen Wohnträume- alles ist positiv- toxic positiv. Aber wir wollen doch auch so gerne ein Stück von diesem Kuchen- also müssen wir nur positiv denken- immer. Da bleibt kein Raum für Trauer. Wenn wir uns für das Thema Verlust und Trauer aufmachen, dann besteht die Gefahr, dass wir überrollt werden. Wie bei einem Schrank, in den wir in Eile und Hektik alles reingestopft haben, damit es nicht mehr unordentlich im Raum aussieht. Der Trick dabei ist es, die Türen schnell genug zuzuknallen. Aber irgendwann ist das Fassungsvermögen des Schrankes erreicht und sollten wir dann versuchen, auch nur noch eine schmutzige Socke dort hinein zu bringen, kommt uns der gesamte chaotische Inhalt entgegen gepoltert, wie ein Lawinenabgang in den Alpen. Und dann sitzen wir da, bis über die Ohren im Müll und zu überfordert zu wissen, wie wir das jetzt wieder hinbekommen. Trauer betrifft nicht immer „nur“ uns allein. Es gibt auch Trauer, die innerhalb von Familien „vererbt“ wird. Verlustthematiken, die wir nicht selbst erlebt haben müssen, die uns aber trotzdem etwas genommen haben. Ein Beispiel sind unsere Großeltern und Eltern, die häufig noch vom 2. Weltkrieg betroffen und so mit dem Thema Verlust leider mehr als vertraut. Waren unsere Großeltern mit Trauer konfrontiert, hatten aber keine Chance, sie zu durchleben und zu integrieren, waren sie häufig in Vermeidungsstrategien gefangen. Unsere Eltern haben dabei häufig das Nachsehen gehabt. Sei es durch emotionale Kühle, Schweigen, Aggression. Sie haben ebenso verloren: Vertrauen, Geborgenheit, Wahrheit, Unversehrtheit. Und diese Verluste wurden dann auch an uns weitergegeben. Fangen wir nun an, an dieser Trauer zu „pulen“, ribbeln wir einen ganzen, mühsam zusammen gefriemelten Pullover aus Vermeidung, Stille, Blockade und Abwehr auf. Wir bringen somit unser gesamtes Familiengefüge ins Wanken. Die Angst, unsere familiäre Basis dadurch zu gefährden und eventuell zu beschädigen oder gar zu verlieren, verhindert oftmals die Auseinandersetzung mit der eigenen Trauer oder den Mut, Dinge anzusprechen. Gemeinsam erlebte Trauer schafft häufig ebenso ein lautes Schweigen, wie die vererbte Trauer. Verlieren zum Beispiel Eltern ein Kind, so trauern die Eltern, die potentielle Geschwister, die Großeltern, Tanten, Onkel… das gesamte Familiensystem ist unter Trauer. Und jeder und jede empfindet diese Trauer anders, sucht andere Wege, sich irgendwie wieder zu fangen und ansatzweise zu funktionieren. Manchmal verstecken Kinder ihre Trauer, um die Eltern nicht weiter zu belasten. Paare versuchen zu vermeiden, sich gegenseitig zu triggern oder flüchten sich in Ablenkungen. Leider führt diese Sprachlosigkeit häufig genau dazu, was doch so angestrengt vermieden werden sollte- zur Sprengung des Familienverbundes. Und somit wird der Trauerberg nur noch größer. ...es gibt so viele Gründe, die Trauer aus unserem Alltag auszuschließen. Wir wollen uns selber nicht unserer eigenen Hilflosigkeit und Ahnungslosigkeit aussetzen, wollen vermeiden, uns mit noch mehr „anstrengenden“ Themen zu belasten. Wir klammern aus, solange es eben nicht akut für uns selbst ist. Doch damit lassen wir auch all diejenigen außen vor, die eben genau da jetzt stehen- Mitten im Nichts, auf der Suche nach Halt, Orientierung und Beistand. Natürlich ist das Vermeidungsverhalten der Menschen auch verständlich. Aber wisst Ihr was- der Verlust kommt- auch für uns! Eines Tages verlieren wir- jemanden, etwas, uns. Und dann ist sie da, die Trauer. Und wenn wir bis dahin nicht gelernt haben, mit ihr umzugehen- was dann? Dann schwimmen wir, dann droht Kontrollverlust- und wieder ist sie da, die Angst. Und diesmal ist sie direkt an uns adressiert, diesmal geht es uns etwas an und wir brauchen Halt, Orientierung und Beistand. Wäre es dann nicht gut, wenn wir schon vorher ein Fach in unserem Schrank frei machen würden, damit die Trauer ein paar Dinge von sich unterbringen kann? Sie muss ja nicht gleich einziehen, aber zumindest sollte sie eine Möglichkeit haben, bei uns für eine kurze Zeit unterzukommen. Und wenn dann ein längerer Aufenthalt bei uns ansteht, sind wir schon vertraut mit ihr und sie mit uns. Wir sind uns nicht mehr fremd, fühlen uns familiär verbunden. Und umso leichter geht es dann, das Loslassen, das Verarbeiten, das Trauern. Klingt das nach einem Plan?